4. Konstruktionen
4.1. Kategorien
Nicht nur auf Ideen und Gedanken läßt sich diese auseinandertreibende, auseinanderlaufende, diskursive Betrachtung ausdehnen. Dort, wo die Wissenschaft künstliche Grenzen zieht, ziehen muß, fließen doch die verschiedensten Fachgebiete ineinander - Physik, Chemie, Biologie konzentrieren sich zwar auf einzelne Teilgebiete, jedoch können sie effektiv bei genauester Betrachtung nicht getrennt werden[13] - es ist wie in einem Ökosystem: Jeder noch so kleine Bestandteil, und sei es ein Wasserfloh, hat Einfluß auf das Gesamtsystem. Neuere physikalische Theorien unterstützen diese ausgeweitete Sicht der Dinge sogar[14].
Der Diskurs als Grundlage wissenschaftlicher Betrachtung ermöglicht vielleicht nicht unbedingt, daß man sofort alles weiß und erfahren kann, aber er stellt eine realistischere Betrachtung der Realität dar, eine selbstreflexivere Form des Nachdenkens - man wird sich seiner Mittel und Beschränkungen eher bewußt. Dafür allerdings muß man sich von Begriffen wie Tradition oder Evolution lösen[15], schon allein weil sich die Wissenschaft selbst mit der Zeit verändert und nicht als kontinuierliches, statisches Gebilde zu betrachten ist[16].
4.2. Abgrenzung
Betrachtet man die Strukturen der Gesellschaft, jeder Gesellschaft und jedes Denkens, so fallen bei genauerer Betrachtung Strukturen auf, die oft als natürlich bezeichnet werden oder wurden und deren Aufrechterhaltung bisher immer gesichert wurde durch den Staat oder die Gesellschaft; Strukturen, die den Unterschied stützen zwischen Mann und Frau, zwischen Rassen, zwischen Klassen, zwischen Nationen, zwischen Weltanschauungen, zwischen Religionen. Diese Strukturen basieren allzu oft auf Traditionen, auf historischen Bedingungen, die zu einer bestimmten Zeit es für notwendig gemacht haben mögen, Grenzen zu ziehen; Grenzen, die oft politisch und ökonomisch bedingt waren.
Eine Trennung in Klassen, in Bürger, Nichtbürger und Sklaven gab es schon in der Antike und der Ur- und Frühgeschichte, eine Trennung nach Kapital und politischen Zugehörigkeiten, die bequem war und es dem Staat ermöglichte, sein Gewissen zu beunruhigen. Die Verwendung des Rassenbegriffes in Kombination mit der Sklaverei ging dann in der "aufgeklärten" Neuzeit noch weiter,- jetzt war es noch einfacher, Sklaverei zu rechtfertigen - ein "natürlicher" Gegensatz war konstruiert worden. Genauso, aber bei weitem noch unbeschreiblicher, basieren Holocaust und "ethnische" und andere "Säuberungen" auf diesen Konstruktionen. Biologisch mehr oder weniger vorhandene Unterschiede oder besondere Merkmale, oder einfach die Zugehörigkeit zu einer anderen Gruppe, bilden die Grundlage für eine organisierte Diskriminierung, die bei weitem nicht mehr als natürlich erachtet werden kann.
Die Trennung der Geschlechter mag sich nicht in derartig grausamen Ketten von Einzelereignissen geäußert haben, aber nichts desto weniger wird sie konstruiert aus biologischen Unterschieden, denen weitere, nicht-biologische Verschiedenheiten angedichtet werden[17]. Die Trennung wird perfektioniert durch Kanonisierung und Sanktionierung. Nicht-weibliche Arbeiten und Funktionen werden einfach definiert, aber von wem? Rollentypen und -schemen werden anerzogen und angelernt durch die Kultur und die Gesellschaft, in welcher wir leben. Doch anstatt die Trennung aufzuheben, wird noch verstärkt darauf hingewiesen durch Quoten und Zwangsmaßnahmen.
Und selbst diese über Jahrhunderte übliche Präsenz der Abgrenzungen und Konstruktivität wird wiederum als Beweis für deren Natürlichkeit herangezogen, für jede Art von Diskriminierung. Und die benutzte Sprache, die zur Rechtfertigung benutzt wird, ist oft nur allzu euphemistisch und, genauso wie die konstruierte Wiedergabe der Ereignisse selbst, fiktiv und unzuverlässig[18]. Gibt es einen Kontext, in dem wir verstehen könnten, was wirklich geschehen ist, was wirklich wahr ist? Ein neues Verständnis für diese Konstruktionen ist auch in der Literaturgeschichte notwendig geworden:
Two decades of unprecedented scholarship and criticism have excavated lost authors for our reconsideration, delineated literary traditions of which we had been previously unaware, and raised probing questions about the very processes by which we canonize, valorize, and select the texts to be remembered. In the wake of all the new information about the literary production of women, Blacks, Native Americans, ethnic minorities, and gays and lesbians; and with new ways of analyzing popular fiction, non-canonical genres, and working-class writings, all prior literary histories are rendered partial, inadequate, and obsolete[19].
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