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STALINISM & NAZISM

Zwischen Revolution und Terror.
Nationalsozialismus und Stalinismus im Vergleich
(Thesenpapier)

Section Index


  1. Nationalsozialismus (Haffner, Churchill, Keegan)
  2. Stalinismus (Getty, Gates, Conquest, Churchill, Mann)
  3. Zum Vergleich (Koenen)
  4. Zur Diskussion
  5. Auswahlbibliographie
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1. Nationalsozialismus (Haffner, Churchill, Keegan)

Hitler

"Hitler ist der potentielle Selbstmörder par excellence. Er hat keine Bindungen außer an sein Ego, und wird dieses ausgelöscht, ist er alle Sorgen, jegliche Verantwortung und Bürde los. Er ist in der privilegierten Position eines Mannes, der nichts liebt außer sich selbst. Ihm ist das Schicksal von Staaten, Menschen und Gemeinwesen, deren Existenz er aufs Spiel setzt, völlig gleichgültig. Dieser Person sind Sorge und Verantwortung in einem Maß übertragen, dem er gar nicht gerecht werden kann. Hinter ihm liegt ein Inferno, das Milieu, und er weiß sehr wohl, zu welchem er normalerweise wirklich gehört. Was ihm bleibt, wenn er scheitert, ist sein sofortiger, schmerzloser Tod, dessen Zeitpunkt er selbst zu bestimmen vermag. Und da er Atheist ist, gibt es für ihn kein Jenseits. Also kann er alles wagen, um seine Macht zu erhalten oder zu vergrößern, jene Macht, der er seine jetzige Existenz verdankt und die allein zwischen ihm und dem raschen Tod liegt." [Haffner. Jekyll & Hyde. 24]

Gewalt

"Wir haben die einzig beständige Idee gesehen, die hinter Hitlers Politik steckt. Diese ist, mit einem Wort gesagt, Hitler. Wir haben aber seine Methode noch nicht unter die Lupe genommen [..] Sie heißt 'Gewalt'. [..] Die außerordentliche Wirkung seiner sehr primitiven Propaganda erklärt sich eher daraus, daß Hitler von Anfang an Propaganda, Überzeugen und Verhandeln eng mit Gewalt und Terror verknüpft hat. Gewalt, ständige, direkte, unverhüllte Anwendung nackter Gewalt, um jeder Behauptung und Forderung Nachdruck zu verleihen - das ist Hitlers Methode, mit der er steht oder fällt. Ihre Entdeckung ist weniger seinem Genie zu verdanken als seinem einst aus lauter Verzweiflung gefaßten Entschluß, unentwegt und skrupellos auf die Welt einzuwirken." [Haffner. Jekyll & Hyde. 26]

Macht

"Der Machthaber ist niemandem gegenüber verantwortlich, er ist respektabel und unangreifbar. Er besitzt in den Gremien, die er leitet, etwas, was die jüdische Legende einen Golem nennt, einen mechanischen Apparat, der die Tat ausführt, zu der seinem Schöpfer die Stärke und der Mut fehlen." [Haffner. Jekyll & Hyde. 27]

Führerschaft

"Hitler hat herausgefunden, daß Führerschaft zu einer fast automatischen Machterweiterung führt und die Gefolgsleute viel enger an den Führer bindet, da sie diese entwurzelt, zu ständigem Handeln zwingt und laufend mit unvorhergesehenen Situationen konfrontiert. [..] Die ständige Aktion, besonders die stündlichen Überraschungen und deren Folgen - die irritierende fortwährende Änderung der Lebensbedingungen, der Worte, der Feinde, der Ziele - lassen es nicht zu, daß sich das Gefühl der Unterdrückung, die Kritik und der Freiheitswille entwickeln, wie es in anderen statischen Regierungsverhältnissen geschieht. [..] Das deutsche Volk ist nicht versklavt, sondern wird durch aufdringliche Agitation dazu gezwungen, einer Räuberbande zu dienen, in der es das Leben eher soldatisch denn servil, als unvorhergesehen und nicht besonders erfreulich, aber flott und abenteuerlich empfindet; vor allem war es bis jetzt von ungeheuren Beutezügen gekrönt." [Haffner. Jekyll & Hyde. 28f ]

Massenmasochismus

"Es genügt hier zu sagen, daß der verständliche Wunsch nach Autorität und einer guten Regierung bei vielen Deutschen zur Anbetung der nackten, brutalen Gewalt geführt hat. Rohe Gewalt, die bar jeden Inhalts ist, übt einen immer stärkeren magischen Reiz auf die heutige [i.e. 1940] Generation der Deutschen aus. Ein schwüler, bedrückender Massenmasochismus ist weit verbreitet. Der 'starke Mann', die Regierung, die 'hart durchgreift', weckt ihre Begeisterung. Das ist die geistige Verfassung, die Hitler vorfand und förderte. Die Knebelung der Presse, die Abschaffung der Rede- und Meinungsfreiheit, die Gestapo, die Konzentrationslager - all das schüchtert die Menschen nicht nur ein. Zum Unterschied von den 'saloppen' und 'ängstlichen' Regeln der liberalen Demokratie verdreht es ihnen auch den Kopf" [Haffner. Jekyll & Hyde. 33]

Naziführer

"Jeder der rund 100.000 mehr oder weniger bekannten Nazioberen, die mit ihm zusammen die nationalsozialistische Führung bilden [..] ist als Person nichts anderes als ein gewöhnlicher Glücksritter und Karrierist, der mit mehr oder weniger fachlichen Qualifikationen und mehr oder weniger Skrupellosigkeit gesegnet ist. [..] Hitler allein entdeckte, wie man aus dem Nichts zur absoluten Macht aufsteigt und wie man diese Macht allem zum Trotz in einem beispiellosen Tempo erweitert. [..] Keiner von ihnen ist mehr als ein Finger von Hitlers Hand, [..] Keiner von ihnen ist für sich genommen eine politische Kraft oder gar ein politisches Potential von irgendwelcher Bedeutung, und sei sie noch so gering." [Haffner. Jekyll & Hyde. 43]

Erfolge

"Es stimmt auch, daß, wenn das Heer und die Luftwaffe aufgebaut sind, das Währungssystem unterminiert, die Industrie zerrüttet, das Volk unterernährt, das Schienennetz verschlissen und der Export ruiniert sein werden [..] Die Tüchtigkeit der Nazis täuscht. Was die Nazis gerade planen, wird in 'gigantischen', 'kolossalen', beispiellosen Dimensionen ausgeführt, und jedesmal stellt man fest, daß das, was errichtet wurde, zu groß geraten ist." [Haffner. Jekyll & Hyde. 52]

Terror

"Die Staatsfeinde einsperren? Das genügt bei weitem nicht. Hier werden sie gefoltert. Ein besseres Abschreckungsmittel gibt es nicht. Es wird nicht nur gegen Staatsfeinde angewandt. Nein, wir sperren jeden ein, der kein begeisterter erstklassiger Staatsbürger ist, und foltern ihn. Und wie beweist der erstklassige Staatsdiener, daß er einer ist? Er zeigt jeden an, der es nicht ist, und liefert ihn der Folter aus! Jeder Deutsche ein Polizeispitzel!" [Haffner. Jekyll & Hyde. 53]

Rücksichtslosigkeit

"Die Naziführer haben zu Deutschland genauso ein Verhältnis wie ein rücksichtsloser Rennpferdbesitzer zu seinem Pferd; er möchte das Rennen gewinnen, und sonst gar nichts. Zu diesem Zweck hat er es so hart wie möglich trainiert und es so rücksichtslos wie möglich geritten. Ob das Pferd seinen Wunsch nach Ruhm teilt und ein Rennpferd sein möchte, ob es zu Schaden kommt und danach sein Leben lang lahmt, sind Fragen, die ihn nicht interessieren." [Haffner. Jekyll & Hyde. 59]

Einmaligkeit

"Nie zuvor hat eine herrschende Schicht ein ganzes Land - seine Landschaft und seine Städte - so roh und gefühllos verunstaltet, [..] Noch nie hat eine herrschende Schicht so rücksichtslos ihre Landsleute kommandiert und so zynisch deren Wünsche, deren Bedürfnisse und deren Glück ignoriert. Noch nie haben Machthaber die Untertanen so barbarisch als bloße Nullen behandelt und gleichzeitig behauptet, sie würden sich für sie aufopfern" [Haffner. Jekyll & Hyde. 61]

Nazis

".. es können taktische Erwägungen, Entschlußlosigkeit, Furcht vor bevorstehenden schlechteren Zeiten oder ein schier unerträglicher Druck dazu führen, daß Menschen zu Verteidigern eines Regimes werden, das sie im Grunde ihres Herzens schon lange zum Teufel wünschen." [Haffner. Jekyll & Hyde. 65]

Verfolgungswahn

"Seit der Reichsgründung haben die Deutschen an Verfolgungswahn gelitten. Sie sind davon überzeugt, alle anderen Völker würden ihnen etwas wegnehmen wollen und nur darauf lauern, sie umzingeln und über sie herfallen zu können." [Haffner. Jekyll & Hyde. 139]

Widerstand

"Wer sich darüber wundert, daß die Revolution gegen die Nazis so lange auf sich warten läßt, der übersieht sehr oft die Tatsache, daß das Naziregime neue Möglichkeiten der Unterdrückung entdeckt hat, gegen die auch neue revolutionäre Methoden entwickelt werden müssen. Man kann sagen, das Naziregime ist ein hochentwickelter Mechanismus, der speziell dafür konstruiert ist, Revolutionen unmöglich zu machen. [..] Die Nazis hätten sich mit der Gestapo allein keine vier Wochen lang halten können - und ohne sie auch nicht länger. Die Gestapo ist nur die letzte Verteidigungslinie. Entscheidend für das Regime ist die Kombination von polizeilicher Unterdrückung, die bis ins Extrem getrieben ist, mit einigen verzerrten Elementen von Demokratie. Es ist falsch, den Nazistaat als reine Despotie anzusehen. Seine Macht besteht aus einer Mischung von Despotie und Anarchie. Metternich plus Turnvater Jahn; Geheimpolizei plus Demagogie; Terror plus Propaganda; Organisation plus vorgeschriebene Unordnung; nicht obligatorischer Gehorsam, sondern obligatorische Komplizenschaft; nicht obligatorische Loyalität, sondern obligatorische Begeisterung - dies ist das Gift, gegen das bis jetzt noch kein Gegengift gefunden worden ist." [Haffner. Jekyll & Hyde. 160]

Antisemitismus

"Der Hitlersche Antisemitismus ist osteuropäisches Gewächs. In Westeuropa und auch in Deutschland war Antisemitismus um die Jahrhundertwende im Abflauen, Assimilation und Integration der Juden erwünscht und in vollem Gange. Aber in Ost- und Südosteuropa, wo die zahlreichen Juden freiwillig oder unfreiwillig als abgesondertes Volk im Volke existierten, war (und ist?) der Antisemitismus endemisch und mörderisch, nicht auf Assimilation und Integration gerichtet, sondern auf Wegschaffen und Ausrotten." [Haffner. Anmerkungen zu Hitler. 15]

Massenmorde

"Hitlers Massenmorde wurden im Krieg begangen, aber sie waren keine Kriegshandlungen. Vielmehr kann man sagen, daß er den Krieg zum Vorwand nahm, Massenmorde zu begehen, die mit dem Krieg nichts zu tun hatten, die ihm aber immer schon ein persönliches Bedürfnis gewesen waren" [Haffner. Anmerkungen zu Hitler. 143]

Mein Kampf

"Die Hauptthese von Mein Kampf ist einfach. Der Mensch ist ein kämpfendes Tier; daher ist die Nation, also eine Gemeinschaft von Kämpfern, eine Kampfeinheit. Jeder lebende Organismus, der den Existenzkampf aufgibt, ist zum Erlöschen verurteilt. Eine Nation oder Rasse, die den Kampf einstellt, ist ebenso zum Untergang verurteilt. Die Kampffähigkeit einer Rasse hängt von deren Reinheit ab. Daher ist es nötig, sie von fremden Verunreinigungen zu säubern. Die jüdische Rasse muß infolge ihrer Universalität pazifistisch und kosmopolitisch sein. Der Pazifismus ist die größte Todsünde; denn er bedeutet die Kapitulation der Rasse im Existenzkampf." [Churchill. Der Zweite Weltkrieg. 42]

Einfluß des I. WK

"Wie alle Infanteriesoldaten hatte Hitler aus den Schützengräben Erinnerungen mitgebracht, zu denen in früheren Zeiten kaum jemand verdammt war: Erinnerungen an Leichen, die wie Holzscheite auf den Schlachtfeldern verstreut waren oder in Massengräbern aufgeschichtet beerdigt wurden. Das menschliche Bindeglied zwischen dem Holocaust des Ersten Weltkrieges und dem der Konzentrationslager muss jedem, der zur Betrachtung der augenscheinlichen Gewissheit fähig ist, unleugbar erscheinen; wie hätte man ohne die vorherige Konditionierung in den Schützengräben, wo Männer mit der physischen Tatsache der industrialisierten Tötung vertraut gemacht wurden, genug Personal zur Überwachung der Ausrottungsverfahren finden können?" [Keegan. Die Maske des Feldherrn. 445f]

Hitlers "Heldentum"

".. Hitlers Befehlshaberschaft war - was er selbst im Rückblick eingesehen haben mag - nur eine Farce falschen Heldentums gewesen. Sie war, wie er selbst in seinen machtvollen Tagen prahlte, auf die Idee des einsamen Leidens gegründet, darauf, dass er die Gefahren und Nöte seiner Soldaten in seinen Zufluchtsorten Rastenburg und Winniza verinnerlichte, auf die Gleichsetzung ihrer physischen Qual mit seinem psychischen Widerstand, auf die Ablösung von Mut durch Unverfrorenheit und letztlich auf das Ritual des Selbstmordes als Gegenstück zum Tod im Angesicht des Feindes. Wenige Selbstmorde sind heroisch, und der Hitlers gehört nicht dazu." [Keegan. Die Maske des Feldherrn. 447]







2. Stalinismus (Getty, Gates, Conquest, Churchill, Mann)

Kommandokette

"According to most Western views, power was transmitted from the top to the bottom, from the center to the localities. Commands originated in the Central Committee (or its Secretariat) and were passed down through the national parties, territories, regions, and districts to the cells. [..] The political reality was much different. In fact, the chain of command collapsed more often than it functioned. The Communist Party, far from having penetrated every corner of Russian life, was more an undisciplined and disorganized force with little influence outside the cities. Soviet Russia in the thirties resembles a backward, traditional society far more than it did the sophisticated order of totalitarianism." [Getty. Origins of the Great Purges. 27]

KPdSU / chistka

"The party in the thirties was neither monolithic nor disciplined. its upper ranks were divided, and its lower organizations were disorganized, chaotic, and undisciplined. Moscow leaders were divided on policy issues, and central leaders were at odds with territorial secretaries whose organizations suffered from internal disorder and conflict. A bloated party membership containing political illiterates and apolitical opportunists plus a lazy and unresponsive regional leadership was hardly the formula for a Leninist party. Such a clumsy and unwieldy organization could not have been an efficient or satisfying instrument for Moscow’s purposes. [..] [The party leaders] agreed on the need of reform. They decided on a two-pronged strategy: to reduce the size of the party ( the chistka) while stepping up efforts at political education." [Getty. Origins of the Great Purges. 27]

Bürokratie

"Although the Soviet government was certainly dictatorial (or tried to be), it was not totalitarian. The technical and technological sophistication that separates totalitarianism from dictatorship was lacking in the thirties. The primitive texture of the Smolensk Archive, the real weakness of the central government in key areas, and a certain degree of political pluralism argue strongly against any totalitarian characterization. On a local level (where most of the population interacts with the government), political administration was marked by incompetence, sloth, inertia, and real cultural backwardness. The system had the disadvantages of bureaucratism without the corresponding benefits of efficient bureaucracy. Administration on a local level often resembled a popular peasant culture that was trying clumsily and sometimes half-heartedly to be a modern bureaucracy. [..] Conflict erupted as the center tried to streamline, regularize, and ultimately control local political organizations." [Getty. Origins of the Great Purges. 198]

Rolle Stalins

"It is not necessary for us to put Stalin in day-to-day control of events to judge him. A chaotic local bureaucracy, a quasi-feudal network of politicians accustomed to arresting people, and a set of perhaps insoluble political and social problems created an atmosphere conducive to violence. All it took from Stalin were catalytic and probably ad hoc interventions at three pivotal points - early 1936 (to reopen the Kirov investigation), November 1936 (to condemn Piatkov), and June 1937 (to unleash Ezhov) - to spark an uncontrolled explosion. That he did so intervene speaks for itself. [..] The real petrification of the Stalinist system set in during and after the war, when commissariats became ministries, when the party leader became premier, and when the man who hated neckties [i.e. Stalin] became the generalissimo." [Getty. Origins of the Great Purges. 206]

"We need not turn Stalin into an omniscient and omnipotent demon in order to comprehend his evil. Indeed, making him into a superman diminishes the real horror of the period. Stalin was a cruel but ordinary mortal unable to see the future and with a limited ability to create and control it. He was not a master planner, and studies of all of his other policies before and after the 1930s have shown that he stumbled into everything from collectivization to foreign policy. Stalin’s colossal felonies, like most violent crimes everywhere, were of the unplanned erratic kind. His evil, like Eichmann’s, was ordinary and of this world; it was banally human and is more horrifying for being so." [Getty. Stalinist Terror. 62]

Verbrechen

"The Soviet Union was an evil empire. As more documents are released from Soviet archives, we are learning not only that the communists in the Kremlin committed virtually all of the atrocities long suspected, but even more that were controversial, doubted, or even unknown in the West. The Soviets stand proven guilty of crimes against humanity by their own records and those of their satellites. We are now learning that however badly we thought of them, they were even worse." [Gates. From the Shadows. 575]

Grausamkeit Stalins

"Vor allem war Stalin von Natur aus grausam. [..] Despoten, die Vergnügen im Morden und Foltern fanden, hat es zu allen Zeiten der Geschichte gegeben, und unter ihnen nimmt Stalin eine Vorrangstellung ein. Doch wie sich an seinen Instruktionen für die Folterknechte ablesen läßt, herrschte er nicht nur durch Terror, sondern auch durch Lüge und Betrug, denn der Zweck der Folter bestand darin, falsche Geständnisse zu erhalten." [Conquest. Stalin. 399f]

Der "neue Mensch"

"[Stalins] sozialistische Ordnung nach marxistischen Grundsätzen sollte einen moralisch höherwertigen und verantwortungsbewußten 'neuen Menschen' hervorbringen, der keinem der Laster ergeben war, die die Menschheit dem Einfluß des Feudalismus oder Kapitalismus verdankte. Die Wirkungen der 'Produktionsweise' würden sogar noch durch eine 'Umerziehung’ unterstützt. Sofern jedoch tatsächlich ein 'neuer Sowjetmensch' hervorgebracht wurde, war er ein Denunziant, Terrorist, Konformist, Bürokrat und Antisemit. Er war laut den Worten des sowjetischen Schriftstellers Lew Owruzkis ein Mensch, 'der das russische Land entvölkert, unsere Städte in Qualm erstickt, unsere Läden leergeräumt und unsere Seelen mit Apathie erfüllt hat'."[Conquest. Stalin. 403f]

Theorie & Praxis

"In der Theorie hatten die meisten Bauern sich glücklich zu Kollektiven zusammengeschlossen und waren damit produktiver und wohlhabender denn je. Die Wahrheit war, daß sie das ganze System haßten und Hungers starben, während lediglich die Menge an Nahrungsmitteln produziert wurde, die zur Sicherung des Existenzminimums der übrigen Bevölkerung benötigt wurde. In der Theorie gehörte der Staat den Arbeitern. In der Praxis war die neue privilegierte Klasse aus einer begrenzten Schicht der Gesellschaft rekrutiert worden, und das Proletariat insgesamt lebte wesentlich schlechter als vor der Revolution. In der Theorie war die gesamte Bevölkerung von überschäumender Begeisterung für das Regime erfüllt. In der Praxis hatte ein umfassender Propagandafeldzug bis zu einem gewissen Grad die Unzufriedenheit zurückgedrängt und die meisten Jugendlichen indoktriniert." [Conquest. Stalin. 405]

Unfähigkeit Stalins

"Wir müssen jetzt den Irrtum und die Selbsttäuschung in den kaltblütigen Berechnungen der Sowjetregierung und des ungeheuren kommunistischen Apparats wie auch deren überraschende Ahnungslosigkeit hinsichtlich der eigenen Situation an den Pranger stellen. Dem Schicksal der Westmächte gegenüber hatten sie sich völlig indifferent gezeigt [..]. Die Sowjetmachthaber schienen [1941] keine Ahnung davon zu haben, daß Hitler ihren Untergang schon mehr als sechs Monate zuvor beschlossen hatte. Falls ihr Nachrichtendienst sie von dem ungeheuren Aufmarsch im Osten informierte, der sich von Tag zu Tag immer mehr verstärkte, unterließen sie viele unerläßliche Schritte, durch die sie ihm hätten begegnen können. So hatten sie es zugelassen, daß der ganze Balkan von Deutschland überrannt wurde. [..] Krieg ist hauptsächlich eine Kette von Fehlern; doch darf man füglich bezweifeln, ob jemals in der Weltgeschichte ein Fehler gemacht wurde wie der, dessen sich Stalin und die Kommunistenführer schuldig machten, als sie alle Chancen auf dem Balkan verspielten und mit verschränkten Armen auf den bevorstehenden, ungeheuerlichen Ansturm gegen Rußland warteten, dessen Tragweite sie möglicherweise aber auch nicht zu erfassen vermochten. Bis dahin hatten wir sie als egoistische Rechner eingeschätzt; in dieser Zeitperiode erwiesen sie sich außerdem als Dummköpfe." [Churchill. Der Zweite Weltkrieg. 514]

Marxismus

"In einem früheren Buch bemerkt Rosenberg, daß gerade in den Ländern, in denen Marx wenig oder keinen Einfluß habe, in den Dominions, in den Vereinigten Staaten, in Mexiko, die soziale Demokratie die erfreulichsten Fortschritte erzielt habe. Und hier soll kein Zusammenhang sein? Überall da, wo starke 'marxistische' Parteien entstanden, finden wir Demokratie und Sozialismus abgewürgt, schimpfiert, tot, oder ein Scheinleben zu fremden Zwecken führend; während überall dort, wo solche Gruppen nicht bestanden, die Demokratie atmen und sich entwickeln kann. Hier sollte keine Schuld Marxens oder der Marxschen Tradition vorliegen? [..] Gescheitert sind vielmehr die Sozialisten meistens in dem Maß, in dem sie unter dem Einfluß der Marxschen Klassenkampf- und Revolutionslehre standen. / Ihre Niederlage, versichert uns Rosenberg, habe doch nichts mit Marx zu tun. Fast alle Marxisten hätten von den Heiligen Büchern so gut wie nichts verstanden. Aber eine solche Trennung des Gründers der Schule von der Schule geht nicht an. Natürlich war Marx bedeutender als seine Nachfolger. Natürlich hätte er viele ihrer Fehler nicht gemacht. Marx war ein Genie, das Genie vererbt sich nicht; es vererbt sich der zum System erstarrte Gedanke. Und wenn der Marxsche Gedanke zum besonders unfruchtbaren, toten und lastenden System erstarrte, so sind Marx und Engels selber schuld daran." [Golo Mann. Zeiten und Figuren. 25f]

"Der Versuch, die Geschichte wissenschaftlich vorauszubestimmen, der Versuch, auf diese Voraussage eine politische Praxis zu begründen und eintretende Ereignisse vorher fixierten Allgemeinbegriffen gleichzusetzen, ist Schuld an der Niederlage der marxistischen Parteien; er ist mitschuldig an dem politischen und moralischem Chaos, in dem wir leben. [..] [Marx] ist mitschuldig an der moralischen Verwilderung unserer Zeit. Sicher bedurfte es großer moralischer Kraft, um ein Werk wie das 'Kapital' zu vollenden; niemand bestreitet, daß er gegen Ausbeutung und Elend eine echte Empörung im Herzen trug. Seine Wissenschaft aber sollte die Moral überflüssig machen und sollte die Amoral rechtfertigen. [..] Historisch betrachtet, kommt diese prinzipielle Schimpfierung des Gegners zweifellos aus der Französischen Revolution." [Golo Mann. Zeiten und Figuren. 27f]

"Professor Rosenberg mag einwenden, daß Stalin doch ein Verräter am Marxismus sei und dessen Schimpfmelodien nur widerrechtlich sich aneigne. Aber der Mißbrauch der Sache liegt in der Sache selbst. [..] Wenn der Zweck, der heilige, wissenschaftliche Geschichtszweck, die Mittel heiligt, wer kann dem Gebraucher übler Mittel beweisen, daß er den Zweck nicht im Auge hat? Lenin ist gewiß ein besserer Mensch, ein ehrlicherer Idealist gewesen als sein Nachfolger; mit den Greueln, welche in unserer Zeit in Rußland geschehen sind, steht Marx' und Lenins Lehre dennoch im Zusammenhang. [..] Es nützt aber nichts, zur reinen Lehre zurückzukehren, denn die Lehre hat uns praktisch und wirklich dahin geführt, wo wir sind; man muß sie fallen lassen." [Golo Mann. Zeiten und Figuren. 28f]







3. Zum Vergleich (Koenen)

Zynismus

"Wer die Vernichtung einer bestimmten Kategorie von Menschen - etwa der 'Kulaken' oder anderer 'Volksfeinde' der Sowjetunion - für historisch verständlicher oder sogar begründeter erklären wollte als die einer anderen Kategorie von Menschen - etwa der europäischen Juden -, landet bei einer ziemlich zynischen Argumentationsweise. Zwar gibt es [..] Unterschiede. Doch sie machen das eine nicht besser und das andere nicht schlimmer, als es ohnehin schon ist. / Deshalb geht es auch nicht an und ist eine Form des moralischen Relativismus - wie er auf der Linken und in einem breiten, liberalem juste milieu gang und gäbe war -, den 'utopischen', 'universalistischen' und 'im Kern humanistischen' Charakter des Kommunismus als eine schützende Folie zwischen sich und die historische Realität zu legen; oder den 'rationaleren' Charakter der stalinistischen Massenverbrechen, etwa im Sinne einer 'nachholenden Industrialisierung', geltend zu machen Was will man damit eigentlich sagen? Daß, je besser (angeblich) die Absichten und die Gesinnung, um so verständlicher (und um so verzeihlicher) die Taten und Untaten? Wären demnach Morde und Gewaltakte, die einen angeblich positiven oder konstruktiven Zweck verfolgen, akzeptabler als jene, die das nicht tun?" [Koenen. Utopie der Säuberungen. 18]

Euphemismus

"Die kommunistischen Staaten und Parteien sind niemals besiegt worden. Und einer der Gründe dafür war, daß ihre Berufung auf die 'höchsten' und angeblich sogar 'ältesten’ Ziele der Menschheit viele Beobachter, und selbst viele Gegner, auf erstaunliche Weise in den Bann zu ziehen vermochte. [..] Denn alle die so feierlich evozierenden Humanismen, Utopismen, Universalismen dienten ja in Wahrheit einer monströsen Umkehrung der Wirklichkeit, einer 'Umwertung aller Werte', wie es sie noch nicht gab. Man versklavte die Arbeiter im Namen der Arbeiterklasse; man erhob Verrat und Denunziation zur revolutionären Tugend; man machte im Namen der 'objektiven Wahrheit' aus der Lüge eine Wissenschaft und ersetzte die Realität durch die Fiktion; man löschte das Gedächtnis der Menschen aus und erfand ihre Geschichte neu, während man versicherte, sie seien gerade dabei, 'Geschichte zu schreiben'; man isolierte das Land im Zeichen des Internationalismus vom Rest der Welt; man beraubte Millionen ihrer persönlichen Würde und der moralischen Besserung im Namen der Freiheit; und schließlich brachte man mit unerschütterlich gutem Gewissen Menschen zu Hunderten, zu Tausenden und zu Hunderttausenden um, warf sie in Massengräber, verbrannte sie allmorgendlich in den Krematorien der Hauptstädte oder verscharrte sie einzeln in der Landschaft - im Namen der Menschheit und ihres Fortschritts." [Koenen. Utopie der Säuberungen. 19, 20f]

Existenz

"Ein nicht geringer Teil der Zeitgenossen, Freunde wie Feinde, war von Beginn an der Meinung, daß die historische Möglichkeit und Zukunftsträchtigkeit des Kommunismus schon allein dadurch bewiesen sei, daß er allen Anfeindungen zum Trotz 'existierte'; die Härte der Lebensbedingungen und des Terrors wurde selbst dann noch als Ausnahmezustand angesehen, als sie schon längst zur Regel geworden war. Und hatte man diese Prämisse einmal akzeptiert, dann besaß gerade die Bedingungslosigkeit eines offen erklärten Terrors gegen die 'Feinde der Gesellschaft’ für so viele, sowohl drinnen wie auch draußen, auch etwas Bezwingendes, sogar Anziehendes, zeugte sie doch von einem Willen, hinter dem starke, sehr stake Motive stehen mußten." [Koenen. Utopie der Säuberungen. 21]

Terror

"Doch die Millionen Toten und Abermillionen vernichteter Existenzen des bolschewistischen Zeitalters waren nicht Opfer eines äußeren Verhängnisses, einer 'Pestzeit', sondern eines von Menschen unternommenen Versuchs, die gegebene 'alte' Gesellschaft in toto umzumodeln und ihre Subjekte in eine neue, gebundene Ordnung zu überführen. Der Terror war dabei kein schierer Exzeß, sondern eine logische Konsequenz dieses beispiellosen Unternehmens. Auch war es nicht so, daß Terror und Kollektivierung nur der Hebel einer beschleunigten Industrialisierung als dem Kernstück einer neuen, 'stählernen' Zivilisation gewesen wären. Vielmehr diente die forcierte Industrialisierung ihrerseits der weiteren Kollektivierung und organizistischen Formierung der Gesellschaft und dem Ausbau eines Systems totaler Macht. [..] Gerade im Zuge der Stalinschen Kollektivierungsrevolution erlitt Rußland einen ungeheuren zivilisatorischen Einbruch, wurden menschliche und materielle Produktivkräfte und Ressourcen in einem Maße vernichtet und vergeudet, für das man kaum Parallelen findet und von dem sich das Land bis heute nicht erholt hat. Die zwangsweise Kollektivierung war eben keine andere Form von Vergesellschaftung, sondern das Gegenteil dessen - eine gesellschaftliche Regression, eine Entdifferenzierung gewaltigen Ausmaßes." [Koenen. Utopie der Säuberungen. 25f]

Totalitarismus

"Die bisherigen Totalitarismustheorien leiden an einem ganz anderen Mangel: Sie nehmen durchweg eine Rückübertragung der am Faschismus und am Nationalsozialismus gewonnenen Kriterien auf die kommunistische Gesellschaften vor. [..] In der - völlig legitimen - Gegenüberstellung von westlicher Demokratie und diktatorischem Sowjetsystem wurde der Begriff des 'Totalitarismus' systematisch auf bestimmte Merkmale des politischen und gesellschaftlichen Systems verkürzt. Das bedeutete aber, daß er viel zu unspezifisch und viel zu eng verwendet wurde. [..] In Wirklichkeit war die Kategorie des 'Totalitären' [..] dem Bemühen von Zeitgenossen [entsprungen], etwas zu bezeichnen, das es in der Geschichte bis dahin nicht gegeben hatte und vielleicht nicht einmal hatte geben können: den ernstlichen Versuch nämlich, von einem einzigen leitenden Zentrum her Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, Kultur und Erziehung und schließlich auch das individuelle Leben der einzelnen Bürger, kurzum das 'Totum' eines Gemeinwesens zu erfassen und zu gestalten." [Koenen. Utopie der Säuberungen. 26f]

Vergleich

"... der Begriff des Totalitären [läßt sich] gerade an den kommunistischen Regimen des 20. Jahrhunderts erst in seiner vollen Bedeutung entfalten; während die faschistischen Diktaturen und auch der Nationalsozialismus diesem Begriff nur zum Teil entsprochen haben. Das ist aber keine Frage ihrer moralischen Bewertung oder eines Vergleichs der Zahl der Opfer, der Motivation der Täter oder der Verantwortung der betreffenden Gesellschaften. Im Gegenteil, wenn der Nationalsozialismus weniger totalitär war, dann weil er auf eine höhere Zustimmung, aktivere Beteiligung und größere Komplizenschaft der deutschen Gesellschaft rechnen konnte. Die verschiedenen sozialen Gruppen, Schichten und Nationalitäten des vormaligen Russischen Reiches, ebenso auch die Chinas und anderer kommunistischen Parteien unterworfener Länder, mußten dagegen für die neue Staats- und Gesellschaftsordnung erst gewaltsam zugerichtet werden. Dies bedeutete eine nicht nur metaphorische oder ideologische, sondern blutig-physische 'Säuberung' des jeweils vorhandenen Gesellschaftskörpers von oben bis unten, mittels derer alles weggeschnitten, ausradiert und fortgewaschen werden sollte, was als schädlich, feindlich oder gefährlich, das heißt als zu selbständig, zu individuell, zu kosmopolitisch galt." [Koenen. Utopie der Säuberungen. 27]

Re-aktion

"Obwohl sich die führenden Akteure an der Spitze des Fortschritts marschieren sahen, handelte es sich bei den kommunistischen Revolutionen und Staatsgründungen um modern-archaische Reaktionen auf jene enormen Schübe der Globalisierung, Pluralisierung, Individualisierung des Lebens, die die eigentliche Weltrevolution dieses Jahrhunderts ausgemacht haben. [..] Dieser Versuch ist also 1989 an sein Ende gekommen. Er war ein grausam verfehltes Experiment am Leib lebender Gesellschaften, das halb bewußte und halb bewußtlose Bemühen, eine soziale Mutation herbeizuführen - die eine beunruhigende geschichtliche Möglichkeit aufzeigt und weiterhin bleibt. Die ideologischen Titel sind dabei Schall und Rauch. Was zählt, ist die Erfahrung des totalitären Zugriffs auf eine Gesellschaft im ganzen, ihrer sozialen, physischen und mentalen Zurichtung." [Koenen. Utopie der Säuberungen. 27f]

Großer Terror

"Der Große Terror läßt sich als ein Furor beschreiben, alle Fehlschläge und Defizite dem Wirken immer besser getarnter, immer raffinierterer feindlicher Elemente zuzuschreiben - statt sich etwa das Verfehlte des ganzen Unternehmens einzugestehen. Und das Zentrum all dieser Verschwörungen und Subversionen konnte logischerweise nur noch in der herrschenden Partei und im Staatsapparat selbst gefunden werden, denn 'Spekulanten', 'Kapitalisten', und sonstige 'Jemands' gab es nicht mehr. Folgerichtig mußten die Verschwörer und Subversiven sich gerade unter der Maske der Treuesten der Treuen verbergen. Damit schloß sich der Kreis." [Koenen. Utopie der Säuberungen. 215f]

Säuberung

"Meines Wissens war es Lech Walesa, der dafür [für den Wiederaufbau] die intuitive, erhellende Metapher gefunden hat: 'Es ist leicht, aus einem Fisch eine Fischsuppe zu bereiten. Aber versuche mal, aus einer Fischsuppe wieder einen Fisch zu machen!" / Das ist mehr als nur ein Aperçu. Es besagt, daß eine Gesellschaft ein historisch entstandener, komplexer, lebendiger Zusammenhang ist, den man zwar verändern, aber nicht in toto 'säubern', 'zerschlagen' und 'neu erschaffen' kann. Der Kommunismus war bisher der radikalste Versuch in diese Richtung. Er ist zutiefst gescheitert." [Koenen. Utopie der Säuberungen. 432]







4. Zur Diskussion

  • Ein Vergleich zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus kann nicht eine bedenkenlose Gleichsetzung bedeuten. Vielmehr sollen die Eigenarten beider Systeme betont werden; dadurch wird die moralische Aussage nicht entwertet, im Gegenteil, sie gewinnt an Substanz.

  • Das Totalitarismus-Modell ist nicht unbedingt falsch; es sei denn, es wird direkt aus dem faschistischen Modell abgeleitet, dann wäre es auf den Stalinismus nur schwer zu beziehen. Definiert man es aber anhand gemeinsamer Elemente beider Systeme, so ist es tragbar - und es ist auch sinnvoll, einen derartigen Vergleich zu ziehen; vor allem auch im Gegensatz zu anderen Staatensystemen.

  • Beide Systeme vereinen ein ungeheures und auch in unvorstellbarem Maße bewußt freigesetztes Potential an Gewalt. Sie sind totalitär, was den absoluten Machtanspruch angeht; den gnadenlosen Umgang mit ihren Gegnern; das Streben nach weltpolitischer Vormachtstellung; ihre Paranoia und ihren Verfolgungswahn, welche sich auch in innenpolitischem Terror äußern; ihre Geringschätzung des Lebens des Einzelnen; ihre Religionsfeindlichkeit und ihren Antisemitismus; ebenso ihren Militarismus und ihre Propaganda. Beide schaffen Bürokratien und industriell wirkende Mechanismen zur Kontrolle und Vernichtung von Menschenleben.

  • Das hervorstechende Merkmal des Nazismus ist zunächst der Genozid an der jüdischen Bevölkerung und an anderen Minderheiten; ebenso war das Naziregime von Anfang an auf militärische Aggression ausgerichtet. Beides wurde mit einer radikalen Rassenlehre begründet und mit Hilfe eines Führerprinzips vollstreckt.

  • Der Stalinismus ist eine Weiterentwicklung des Leninschen Staates, welcher als konsequente Fortsetzung gesehen werden kann. Beide beziehen sich auf Marx und können daher mit Berechtigung als kommunistische Systeme betrachtet werden. Der Kommunismus leninscher und stalinscher Prägung fußt auf dem Geschichtsbild eines ständigen Klassenkampfes, in dem das Proletariat im Zuge einer Weltrevolution alleinige Macht erlangen soll, die Diktatur des Proletariats. In einer solchen Philosophie sind die Entartungen des Stalinismus bereits enthalten - die Legitimation der Revolution und der Klassenkampf implizieren Terror und Gewalt, sowie auch rücksichtslose Unterdrückung und Ausschaltung der Gegner. Neben offiziellem Terror von oben kommt es quasi durch eine gewisse Eigendynamik des Systems auch zu lokal bedingten Repressalien, welche, wenn sie der Staatsmacht dienen, geduldet und ggf. gefördert werden. Hinter dem Deckmantel der Solidarität wird ein System von Satellitenstaaten aufgebaut, welche einerseits als militärischer Puffer und andererseits der Ausweitung des Machtbereiches dienen.







5. Auswahlbibliographie

  • Robert Conquest. Stalin. Der totale Wille zur Macht. München: Ullstein 1993 (Stalin - Breaker of Nations. London: Weidenfeld & Nicolson 1991)
  • Golo Mann. "Was bleibt von Karl Marx?" (1939) Zeiten und Figuren. Schriften aus vier Jahrzehnten. Frankfurt: Fischer 1989
  • John Keegan. Die Maske des Feldherrn. Weinheim/Berlin: Beltz 1997 (The Mask of Command. London: Jonathan Cape 1987)
  • Winston S. Churchill. Der zweite Weltkrieg. Bern/München/Wien: Scherz, Sonderausgabe ²1995 (1948)
  • Sebastian Haffner. Anmerkungen zu Hitler. München: Fischer Taschenbuch 1998 (München: Kindler 1978)
  • Sebastian Haffner. Germany: Jekyll & Hyde. 1939 - Deutschland von innen betrachtet. Berlin: Knaur 1998 (London: Secker and Warburg 1940)
  • Gerd Koenen. Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus? Berlin: Alexander Fest, 1998
  • J. Arch Getty. Origins of the Great Purges. The Soviet Communist Party Reconsidered, 1933-1938. Cambridge: Cambridge University Press 1985
  • Robert M. Gates. From the Shadows. The Ultimate Insider's Story of Five Presidents and How They Won the Cold War. NY: Touchstone, 1996
  • J. Arch Getty. "The Politics of Repression Reconsidered." 40-62. J. Arch Getty & Roberta T. Manning (eds.). Stalinist Terror. New Perspectives.  Cambridge: Cambridge University Press 1993
  • Manfred Hildermeier. Geschichte der Sowjetunion 1917-1991. München: C.H. Beck 1998
  • Stéphane Courtois et al., Hg. Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror. München/Zürich: Piper 1998 (Le livre noir du communisme. Paris: Editions Robert Laffont 1997)

PJK
February 14th, 1999 / February 17th, 1999 [HTML Version]





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